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Heilige Hildegundis von Helpenstein

(*1170 †1188)

Ganz einfach ist es nicht, die wahre Identität der Heiligen Hildegundis von Helpenstein herauszufinden, denn theologische Lexika nennen sie „Hildegundis von Schönau”. Im „Lexikon der Namen und Heiligen” lesen wir:

„Hildegundis von Schönau OC ist ., Heilige. Sie war die Tochter eines Bürgers von Neuß Bei Düsseldorf. Mit 12 Jahren machte sie mit ihrem Vater um 1183 eine Pilgerfahrt ins Heilige Land. Dieser ließ sie vor seinem Tod Männerkleidung anlegen und den Namen Joseph annehmen, offenbar zum Zweck einer unbehelligten Heimreise. Nach Hause zurückgekehrt, wurde sie Zisterzienser im Kloster Schönau bei Heidelberg, wo sie 1188 nach während des Noviziates mit 18 Jahren starb. Nach der Legende erkannte man erst nach ihrem Tode ihr wahres Geschlecht und erfuhr durch Nachforschungen ihren wirklichen Namen und Herkunft.”

Der Tag des Gedächtnisses an die Hl. Hildegundis ist ihr Todestag, der 20. April. In der Bildlichen Darstellung erscheint sie in Männerkleidung, neben ihr ist ein Engel auf einem Pferd zu sehen. Diese Darstellung gibt ihre legendenhafte Rettung durch einen Engel wieder, der sie aus der Hand von Räubern befreite.

Wer war Hildegundis, wo kam sie her und aus welcher Familie stammte sie? Erste Nachforschungen begannen mit kleinen Schritten im heimatlichen Umfeld im Zisterzienser-Kloster Langwaden und im Historischen Archiv des Erzbistums in Köln. Nachdem die anfänglichen Ergebnisse recht mager ausfielen, erbrachten Nachforschungen in den Stifts- und Klosterarchiven im Nordrhein-Westfälischen Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf erste Erfolge.  Weitere Forschungen führten nach Schönau in den Odenwald, wo der Heimatverein

„Alt Schönau e.V.” wertvolle Hilfe leistete. Besuche im „Archivo Secreto Vaticano” in Rom mit Einsicht in die Seelig- und Heiligsprechungsprozesse und den „Index ac Status Causarum” sowie Nachforschungen in der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek in Paderborn brachten den „Schlüssel zur Hildegundis”. Eine im April 1996 durchgeführte Studienreise auf den Spuren der Hildegundis nach Apulien in Süditalien, nach Conversano, Bari und dem Ausschiffungshafen Brindisi zum damaligen Heiligen Land brachten wertvolle letzte Erkenntnisse.

Aus den wenigen Urkunden des 12. Jahrhunderts, die im Umfeld der Familie der Hildegundis entstanden sind, erfahren wir, dass ihr Vater der Edelherr („ vir nobilis”) Harper von Helpenstein war. Eine Straße im Dorf Helpenstein an der Erft ist zu seiner Erinnerung benannt worden. Ihre Mutter ist urkundlich nicht erwähnt, sie ist aber im Umfeld der von Are bzw. von Randerath zu vermuten. Hildegundis Patentante war die sel. Hildegundis von Meer (v. Liedberg), die Stifterin des Prämonstratenserinnen-Klosters Meer bei Büderich.

Die Edelherren von Helpenstein standen als Ritter („milites”) im Dienst der Erzbischöfe von Köln. Sie besaßen die befestigte Burg Helpenstein bei dem gleichnamigen Dorf zu Lehen. Die Helpensteiner waren Untervögte des Wehlerhofes, der im Besitz der Werdener Benediktiner-Abtei war, einer Gründung aus der Zeit des Heiligen Ludgernus (um 800). Die Familie stand in engen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den benachbarten Dynastien von Randerath, von Are, von Liedberg, von Dyck und von Wichrath, um nur einige zu erwähnen. Hildegundis Großvater Harper II v. Helpenstein hatte eine von Meer zur Frau. Dies geht aus einer Urkunde der Abtei Werden aus dem Jahre 1148 hervor, in der Harper (Habernus) von Helpenstein zusammen mit Erenbertus de Mere als Zeugen aufgeführt wird.

Augrund der engen verwandtschaftlichen Verbindung war es auch selbstverständlich, dass bei der Stiftung des Prämonstratenserinnenklosters Meer bei Büderich der Vater von Hildegundis, Harper von Helpenstein, als Zeuge fungierte. Zuvor fand eine Erbteilung zwischen Hildegundis von Meer und ihrer Schwester Elisabeth statt, die mit Gerhard von Randerath verheiratet war. Dies geschah am 22. Februar 1166 durch den Kölner Erzbischof Rainald von Dassel, Reichsfürst und Erzkanzler des Heiligen Römischen Reiches, einem der mächtigsten und treuesten Berater von Kaiser Friedrich I. Barbarossa. Der Erzbischof beurkundete diesen feierlichen Akt an einem neutralen Ort, in Pfaffenreich, gelegen zwischen dem Heerdter Busch und der Stadtgrenze von Neuss. Zeuge dieses historischen Ereignisses war der gesamte Adel vom Niederrhein und des Maasgaues, eine wahre Blütenlese der rheinischen Aristrokatie.

Hildegundis wurde also im März 1170 in eine angesehene rheinische Adelsfamilie hineingeboren. Ihr Geburtsort war der Wehlerhof am Fuße der Burg Helpenstein. Sie hatte noch eine Zwillingsschwester Agnes, die später als Nonne im Kloster Meer verblieben sein soll. Dies ist urkundlich jedoch nicht gesichert. Ihr Bruder Wilhelm von Helpenstein, geboren ca. 1169, der später die Filiation der Dynastie fortsetzte, heiratete um 1195 eine Angehörige der Familie von Born-Elslo. Hildegundis kam im Jahre 1180 oder 1182 in das von ihrer Tante Hildegundis von Meer gestiftete Kloster. In diesem Kloster wurden die jungen Töchter aufgenommen, um Lesen und Schreiben zu lernen. Hier fanden auch die unverheirateten und oft „überzähligen” Töchter aus dem niederrheinischen Adel mit ihrer Mitgift wohlwollende Aufnahme.

Harper von Helpenstein hatte nach dem frühen Tode seiner Frau das Gelübde abgelegt, das Heilige Grab in Jerusalem besuchen zu wollen. Im Frühjahr 1183 brachen Harper und Hildegundis von einem Dienstknecht begleitet zur Pilgerreise ins Heilige Land auf. Gewöhnlich führte der Weg über Augsburg und, wo die Stauferburg „Castel Rocco Grande” von Friedrich I. Barbarossa steht, zur Hafenstadt Brindisi in Apulien, von wo die Überfahrt nach Tyrus erfolgte. Viele niederrheinische Ritter aus den Dynastien Are, Liedberg, Dyck, Wickrath, Hostaden, Heinsberg und auch Mitglieder der Familie Helpenstein hatten schon in den Jahren 1137, 1154 und 1158 an Pilger- und Heerzügen ins Heilige Land teilgenommen. Doch für Harper und seine Tochter endete die Reise in einer Katastrophe. Noch auf der Überfahrt von Brindisi nach Tyrus starb der Vater an „Heißem Fieber”. In der Kathedrale von Tyrus soll er seine letzte Ruhestätte gefunden haben.

Hildegundis setzte die Reise in Männerkleidung unter dem Namen Joseph fort. Es folgte eine schlimme Zeit für Hildegundis. Der Dienstknecht, der auf das Kind aufpassen sollte, machte sich mit der Reisekasse aus dem Staube. „Joseph” war nun mittellos und musste betteln gehen. Der Überlieferung nach soll das Kind in diesem Elend einem Kölner Domherrn begegnet sein, der „Joseph” zurück in die Heimat führte.

Dort übernahm Hildegundis als „Joseph” im Jahre 1184 einen Auftrag in geheimer Mission. Sie sollte im Auftrage des Kölner Domkapitels eine Botschaft - in einem Pilgerstock versteckt - über die Alpen nach Verona zu Papst Lucius III. bringen. Mit dieser Reise rückte Hildegundis in das politische Zentrum der damaligen Zeit. Kaiser Friedrich I. wollte seinen Sohn Heinrich VI mit Konstanze, der Tochter und Erbin des sizilianischen Normannenkönigs Roger II. verheiraten und so eine Vereinigung der beiden Reiche ermöglichen. Lucius III. förderte die Verbindung, doch starb er bereits im November 1185. Sein Nachfolger Urban der III. stand dem Plan, ein staufisches Großreich zu bilden, ablehnend gegenüber. Zunächst kam es jedoch im Jahre 1184 in Augsburg zu der von Friedrich gewünschten Verlobung.

Die Quellen berichten, dass Konstanzes Mitgift - 40.000 Goldpfund - in einem Tross von 150 Tragetieren durch die Lombardei über die Alpen in die kaiserliche Schatzkammer in Augsburg gebracht wurde. Dieser ungeheure Reichtum lockte verständlicherweise zahlreiches Gesindel an und so fiel die erst vierzehnjährige Hildegundis bei Augsburg noch vor antritt ihrer Reise in die Hände brutaler Räuber. Die älteste greifbare Fassung der Legende überliefert eine Quelle des 12. Jahrhunderts, die im Zisterzienserstift Zwettl in Niederösterreich aufbewahrt wird. Die knappe in lateinischer Sprache verfasste Nachricht besagt, dass sie bei Augsburg an einen Galgen gehängt, aber befreit und nach Verona entrückt wurde. Dort erfüllte sie ihre Mission und kehrte in ihr Heimatland zurück.

Mit der Vita der hl. Hildegundis sind drei „Wunder” verbunden. Neben der Errettung vom Galgen oder Balken sind dies die Entrückung von Augsburg nach Verona sowie die Tatsache, dass ihr wahres Geschlecht bis zu ihrem Tode verborgen blieb.  Nach Beendigung ihrer Mission reiste Hildegundis zu ihrer Verwandten, der Begine Mechthildis in Speyer. Auf ihr Anraten hin besuchte Hildegundis eine Schule, um sich weiterzubilden. Dort traf sie auf den Laienbruder Berthold aus dem Zisterzienser-Kloster Schönau. Er berichtete ihr von seinem Kloster im Odenwald und empfahl dem „jungen Mann Joseph” den Eintritt in Schönau.

Das musste jedoch bei Hildegundis, deren Geschlecht nicht bekannt war, die größten Gewissenskonflikte hervorrufen. War doch der junge Orden strengstens darauf bedacht, Zucht und Ordnung in den Klöstern walten zu lassen, wozu auch das Verbot des Zutritts von Frauen in ein Männerkloster gehörte. Die strenge Regel besagt, dass, wenn Frauen gegen das Gebot eingelassen würden, die Altäre abzuräumen seien, keine Messen gelesen und keine Hore gesungen werden dürfte. Die Gegenwart einer Frau wurde als Versuchung des Teufels betrachtet, der nach damaliger Auffassung zuweilen in Frauengestalt auftrat.

Die Entscheidung Hildegundis -„Joseph” - gegen das elementare Grundgesetz des Ordens zu verstoßen und in das Männerkloster einzutreten mag verschiedene Gründe gehabt haben und lässt viele Deutungen zu. Könnte es eine höhere und schwerere Probe ihrer Reinheit und Selbstüberwindung geben, als den Umstand, als Frau unter Männern zu leben, zu essen, zu schlafen, Geißelungen, Aderlässe und sonstige Strapazen des Klosterlebens zu ertragen? Möglicherweise hatte ihre Entscheidung aus heutiger Sicht auch emanzipatorische Züge. Hildegundis hat jedoch, wie zu erwarten war, die enorme Belastung beim Bau des Klosters physisch nicht verkraftet und ist noch im Novizenjahr an Auszehrung gestorben.

Die Tatsache, dass sie eine Frau war, wurde erst nach ihrem Tode am 20. April 1188 offenbar. Diese Erkenntnis war eine Sensation ersten Ranges, die die Gemüter weit über Schönau hinaus tief bewegte. Das Wunder, das sie in übermenschlicher Kraft ihr Geschlecht verleugnet hatte, ließ niemanden unbeeindruckt. Als laut Überlieferung Abt Godefridus I. dem versammelten Konvent das unglaubliche verkündete, da weinten alle vor großem Staunen und vermochten nicht auf das Gebet des Abtes mit „Amen” zu antworten. Diese Geschichte verdanken wir den kurz nach Hildegundis Tod verfassten Aufzeichnungen des Abtes Engelhardt von Langheim (Diözese Bamberg), als er noch Mönch des Klosters Heiligenkreuz in Baden bei Wien war. Darin wird über den „ frater Joseph” (Hildegundis) berichtet, dass er (sie) in Neuss im Kölnischen Land geboren sei. Weiter heißt es:

„Edel war sie von Geburt,

noch edler im Glauben,

Schön von Angesicht,

noch schöner durch ihren Lebenswandel!”

Es ist dies die älteste Hildegundis-Legende, die in einer Posener und in einer Pariser Handschrift aus dem 12. Jahrhundert zu finden ist. Hildegundis wurde im Hochchor der Klosterkirche in Schönau bestattet, wo ihr Grab class=GramE>zur Zeit verschüttet ist. Dort ist eine Reihe von Gräbern und Epitaphen mit noch lesbaren Inschriften entdeckt und ausgegraben worden, die in einer Dokumentation festgehalten worden sind.  Nach den Inschriften zu urteilen, sind dort hohe kirchliche und weltliche Persönlichkeiten zur letzten Ruhe begraben worden. Man fand u.a. das Grab des Hildesheimer Bischofs Konrad II. (gest. um 1180) sowie Gräber von Angehörigen der Reichsministerialen und Schenken von Erbach. Die Grablege der Hildegundis konnte bisher noch nicht gefunden werden. Ihre Grabinschrift ist uns jedoch überliefert worden, die Übersetzung lautet:

„Jedermann möge sich wundern

was der Mensch hier getan hat,

dessen Staub und Gebein

dieses Grab birgt.

Im Leben war sie scheinbar ein Mann,

aber im Tod strahlt sie als Frau.

Das Leben brachte die Täuschung hervor

Und der Tod widerlegte die Täuschung.

Hildegundis hieß sie.

Im Buche der Weisheit ist sie verzeichnet.

Sie starb am 20. April 1188.

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